WERNER LIEBMANN




Text für Bernhard Heisig - Monografie, "Gestern und in unserer Zeit" , herausgegeben von Dieter Brusberg 2013


Alles begann über einen Umweg...
Es war im Jahr 1985, DDR, ich hatte mein Studium der Malerei beendet, aber die staatliche Förderung ausgeschlagen, die mir ein Atelier in Dessau und sicherlich auch eine finanzielle Sicherheit geboten hätte.

Wahrscheinlich hätte ich mich nicht getraut, mich bei Heisig in Leipzig als Meisterschüler zu bewerben; nun musste ich es tun.
Als Meisterschüler bekam man Geld, das war die eine Seite, aber als Meisterschüler konnte man auch nochmal richtig was lernen – das war mein Vorsatz. Ich weiß dann nicht, wie lange ich an dem Brief schrieb, den ich Prof. Heisig als Bewerbung schicken wollte. Mir ist nur noch in Erinnerung, dass ich in meiner Wohnung auf und ab und ab und auf spazierte und die Worte erwog, die die richtigen sein sollten.

Auf jeden Fall wurde ich eingeladen und traf mit meinem erhofften Meister zusammen, in Leipzig in der Hochschule für Grafik und Buchkunst, bei deren Rektor, Professor Bernhard Heisig. Und natürlich hatte ich eine Mappe und viele, viele Diapositive, da meine Bilder wegen der Größe schwer zu transportieren waren.
Heisig nahm ein Dia nach dem anderen aus der Schachtel und hielt es gegen das Licht, um es dort zu begutachten, was mich zu der Bemerkung veranlasste: „Die müssten sie natürlich im Original sehen“.

Eine Sekunde später stand ich wie gelähmt. Denn mit unerwarteter Schroffheit entgegnete Heisig: „Wieso muss ich die Bilder im Original sehen? Haben Sie je einen Beckmann im Original gesehen?“

Natürlich hatte er Recht: Ich war großer Fan von Beckmann, was er schnell auf den Abbildungen erkennen konnte und tatsächlich hatte ich all meine Kenntnis über ihn nur aus (teilweise sehr mittelmäßigen) Abbildungen. Das Material eben, das man in einem von einer Mauer umgebenen Land bekommen konnte. Wo hätte ich einen originalen Beckmann sehen können?

Für Heisig eine Zumutung, meine Bilder als Originale sehen zu müssen, damit er versteht, worum es mir geht….
Zu guter Letzt nahm er mich als Meisterschüler und als wir uns trennten, gab er mir eine Aufgabe mit nach Hause: Es ging um „Geschichten von Herrn K“ von Bertold Brecht, zu denen ich etwas arbeiten sollte.

Um die Resultate vorzulegen, trafen wir uns einen Monat später. Die entstandenen Arbeiten hatte ich auf dem Boden ausgebreitet. Heisig ging brummelnd und fragend um die Arbeiten herum, wurde aber – je länger er diese besah – immer offener, ja richtig gut gelaunt und als ich die Arbeiten nach unserem darauffolgenden Gespräch wieder einpacken wollte, nahm er mich zur Seite und rief in den Nebenraum: Frau Fischer?
Bitte kommen Sie doch her und packen sie die Arbeiten von Herrn Liebmann zusammen.
Wow, die Feuertaufe war bestanden und in Leipzig schien die Sonne.

In der Folge hatten wir eine Übereinkunft, nein ich lernte eine Art von Heisig kennen, die ich erst später zu schätzen wusste:
Wann immer ich ein paar neue Bilder fertig hatte, schrieb ich einen Brief nach Leipzig und es dauerte selten länger als eine Woche bis Heisig in Halle an meiner Ateliertür klingelte.
Natürlich war ich hungrig darauf, zu erfahren, wie das Urteil über meine Bilder ausfallen würde, dürstete nach Kritik und Hinweisen für die weitere Fortführung der Arbeit und vor allem nach maltechnischen Offenbarungen.

Doch nichts davon geschah. Nach dem Betreten meines Ateliers und nach einer gewissen Verweildauer hörte ich von meinem Meister diese oder etwas andere Worte:
„Ich beglückwünsche Sie zu Ihren Bildern“.

Hallo!!?? Natürlich fragte ich nach und bat um Deutungsversuche, es war umsonst. Seine Antwort war konstant:

„Ich sage nischt, ich sage garnischt“.

Was gab es nun noch zu tun? Wir verbrachten also unsere Zeit mit Fragen über Allgemeines, politische Randnotizen und kulturelle Ereignisse im Land, machten den einen oder anderen Scherz und verabschiedeten uns freundlich.

Doch bevor er einen völlig verwirrten jungen Künstler hinterließ, drehte er sich das eine oder andere Mal an der Tür um und hinterließ einen oder zwei freundlich angedeutete Kommentare in den Raum: Also, weil Sie mich gefragt haben: „Ich würde an dem Bild das und an dem Bild das so oder so machen“

Doch selbst dieses kurze Aufbäumen einer Hoffnung wurde mit einem Nachtrag relativiert: „Das sage ich nur, weil Sie mich gefragt haben, folgen Sie auf keinen Fall meinem Rat, es ist nur, weil sie mich gefragt haben“

Ich habe lange gebraucht, bis ich verstanden habe, was da immer wieder geschah:
Er hat das Beste getan, was man mit einem jungen, sich an der Materie messen wollenden Maler machen kann: Er hat mich in meiner Malerei bestärkt ohne einzugreifen.

Er hat mir den Freiraum gegeben, als Meisterschüler finanziell abgesichert zu sein. Er hat mir Achtung entgegengebracht, ohne mir den Stempel seiner eigenen Denk- und Handlungsweise aufzudrücken. Großartig!